Man sollte ja meinen, dass das gerade auf die Bahn hereinprasselnde negative Presseecho wegen der ausgefallenen Klimaanlagen bei ICEs zumindest für die nächste Zeit zu einer Besserung führen würde - falsch gedacht...
Der Reihe nach - heute um 17:06 Hauptbahnhof Augsburg. Ich und viele andere besteigen die Regionalbahn nach München (den sogenannten "Fugger-Express"). Der Zug fährt los - bleibt aber in Sichtweite des Bahnhofs stehen. Nach vielleicht 3 Minuten geht es weiter. Wiederholt bleibt der Zug sporadisch stehen (z.B. Haunstetten, Kissing), fährt aber immer wieder nach einigen Minuten weiter.
Bis, ja bis, wir (fast) Mering St. Afra erreichen. Eine halbe Zuglänge vor dem Bahnhof (der erste Halbzug steht bereits am Bahnsteig) ist Schluss. Der Zug steht und rührt sich nicht mehr. Und das Personal? Nicht, gar nichts! Keine Durchsage, keine Info. Zugführer und Zugbegleiterin haben sich vorne bzw. hinten in den Führerhäusern verschanzt und es kommen lange überhaupt keine Informationen.
Nach vielleicht 15 Minuten (nagelt mich jetzt nicht fest - könnten auch 20 gewesen sein) eine erste Durchsage: "Wegen einer technischen Störung verzögert sich die Weiterfahrt weiterhin". Das wird mit einigen Minuten Abstand noch zweimal wortgleich wiederholt (ja, das waren alle Infos, die wir bekamen). Die Klimaanlage lief manchmal - immer kurz dann, wenn der Motor angelassen wurde (also wenn das typische Summen durch den Zug geht).
Nach deutlich mehr als einer halben Stunde neuer Informationsstand: "Ist kaputt, es wird versucht, den Zug in den Bahnhof schleppen zu lassen, damit man dann aussteigen könne.". Die Klimaanlage war schon eine ganze Weile komplett aus und sollte auch nicht wieder anspringen. Die Stimmung kochte immer weiter hoch (der Wartezeit und der Temperatur im Wagen entsprechend). Nachdem diese letzte Aussage wiederum weit über 10 Minuten keine neue Lage erbrachte (außer, dass die Temperatur stieg), fanden sich in beiden Halbzügen bereits derart erboste Fahrgäste, dass die Notentriegelung der Türen betätigt wurde. Unter Alarmpiepsen rannten nun alle an die frische Luft.
Am Führerstand stellte die Zugbegleiterin mit einiger Verzögerung fest, dass sie gerade Ihre Fahrgäste verlor (was mir da am meisten Sorgen macht - warum hat sie es nicht sofort bemerkt - was, wenn das ein "echter Notfall" gewesen wäre...?). Es kam dann zu erbitterten und vollkommen fruchtlosen Diskussionen zwischen einer erbosten Menge und der Zugbegleiterin, welche sich nur auf Vorschriften und Co. zurückzog. Ich möchte diese hier nicht wiedergeben - nur zusammenfassen, dass die bösen Fahrgäste eigenmächtig gehandelt haben...
Mit rund 1 1/2 Stunden Verspätung (und komplett durchgeschwitzt - hey, ich hatte Arbeitsklamotten an) erreichten wir dann mit einem weiteren Regionalzug, welcher als Bummelzug umfunktioniert wurde, um die gestrandeten Dorfbewohner auch noch nach Hause zu bringen, jeweils doch noch unsere jeweiligen Heimatbahnhöfe.
Technik kann ausfallen (OK, zumindest in der Regionalbahn ist die Quote ein bissl zu hoch) - aber die (nicht) erfolgte Kommunikation durch das Personal ist ein Frechheit!
Ich habe fertig!
UPDATE 1: In der Augsburger Allgemeinen gibt es einen passenden Artikel: www.augsburger-allgemeine.de/Home/Lokales/Friedberg/Lokalnews/Artikel,-Bahn-Fuggerexpress-_arid,2195786_regid,2_puid,2_pageid,4494.html
UPDATE 2: Antwort der Bahn auf meine Beschwerde:
Beförderungsqualität Augsburg - München
Ihre Nachricht vom: 14. Juli 2010
Unser Zeichen: xxxx
Sehr geehrter Herr Walther,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Für die entstandenen Unannehmlichkeiten, welche leider andauern, möchten wir uns bei Ihnen entschuldigen.
Uns ist bewusst, dass Pünktlichkeit eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale ist. Besonders in der letzten Zeit war der Fugger-Express sehr von unvorhersehbaren Ereignissen wie Verursacher Dritter, Oberleitungs- und Weichenschaden, Suizid etc. betroffen. Wie Sie sehen, können die Gründe für Verspätungen sehr vielschichtig sein.
Dies hat große Auswirkungen auf das Streckennetz des Fugger-Express und führt zu vielen Verspätungen und damit verbundenen Anschlussverlusten.
Am 14.07.2010 war ein rabenschwarzer Tag für die Pünktlichkeit. Nachfolgend eine Zusammenstellung der Störungen:
In der Früh bei Kissing - Person im Gleis, Vormittag dann Oberleitungsschaden bei Gablingen, am Mittag ein liegengebliebener Güterzug bei Olching und am Nachmittag wieder eine Person im Gleis. Des weiterem ein Triebfahrzeugschaden in Kissing und am Abend nochmals einen Verdacht auf Personenschaden bei Günzburg.
Ergebnis daraus waren ca. 63% Pünktlichkeit.
Wir wissen, dass unseren Fahrgästen hier viel zugemutet wurde, versichern Ihnen jedoch, dass auch für uns die Pünktlichkeit oberste Priorität hat und unsere Fachdienste alles tun, um die Qualität zu stabilisieren. Dies wird natürlich umso anspruchsvoller, da die Baumaßnahmen zum viergleisigen Ausbau zwischen Augsburg und München auch im Jahr 2010 weiter andauern.
Die Information der Fahrgäste, insbesondere bei Verspätungen und Unregelmäßigkeiten, betrachten wir bei der Deutschen Bahn als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres Kundendienstes. Wir wissen, dass hier teilweise noch Nachholbedarf besteht und sind intensiv mit der Verbesserung der "Informationspolitik" beschäftigt.
Adhoc müssen hier eine Vielzahl von Informationen an die beteiligten Stellen übermittelt werden, Entscheidungen getroffen und auch wieder aufgehoben werden. Dies alles läuft - für unsere Kunden nicht ersichtlich - im Hintergrund ab.
Selbstverständlich sind wir bestrebt, auch in Störungsfällen die Informationen so verbindlich als möglich zu gestalten, jedoch konnte aufgrund der vorgenannten Gründe keine wünschenswerte Perfektion erreicht werden.
Für die verspäteten bzw. nicht entsprechenden Aussagen und Informationen bitten wir Sie nochmals um Entschuldigung. Wir haben die zuständigen Stellen auf die aufgetretenen Mängel hingewiesen.
Sehr geehrter Herr Walther, wir würden uns freuen wenn Sie unsere Bitte um Entschuldigung annehmen könnten und unsere Ausführungen Ihr Verständnis finden könnte. Wir werden alles versuchen, Sie sicher, pünktlich und angenehm an das Reiseziel zu befördern.
Wenn Sie weitere Fragen oder Anregungen zu Ihrem Nahverkehr in der Region haben, können Sie uns gern anrufen. Sie erreichen uns unter 0180 5 99 66 33 (14 ct/Min. aus dem Festnetz. Mobilfunktarife ggf. abweichend, ab 1. März 2010 max. 42 ct/Min.) täglich rund um die Uhr. Nennen Sie bitte nach der telefonischen Begrüßung das Stichwort „Nahverkehr“ oder drücken Sie die 31. Wir helfen Ihnen gern weiter!
Mit freundlichen Grüßen
xxxx
UPDATE 3: Münchener Merkur wird es morgen in der gedruckten Ausgabe bringen, der Bayrische Rundfunk bringt morgen Mittag einen Beitrag - die Dame war gerade hier... :)